BERLIN HAT DEN JAZZ

Sam Wooding stammte aus Philadelphia. Er war ein Jazz-Komponist und -Pianist afro-amerikanischer Herkunft. In Amerika genoss er ein ähnlich hohes Ansehen wie Duke Ellington zu dieser Zeit. Mit seinem Orchestra tourte er zwischen 1925 und 1931 vier Mal durch Europa. 1925 spielten sie im Berliner Admirals-Palast. Dort trafen sie auf auf die Revue-Show der Chocolate Kiddies. In ihr traten lauter erst-klassige Artisten und Musiker*innen auf. Alle ebenfalls afro-amerikanischer Herkunft! Das Stück handelte von den Gegensätzen eines altmodischen Lebens in den Südstaaten und eines modernen im hoch-industrialisierten New York. Die Musik war von zentraler Bedeutung. Wooding und seine Leute schlossen sich der Show an. Und sie spielten die Musik von Duke Ellington.
So konnten sie Teil-haben an deren außer-gewöhnlichen Erfolgen. Das Konzept der Show war wohl-überlegt und ging voll auf. Afro-amerikanische Bühnen-Stücke sollten in ganz Europa präsentiert werden. Zwei solcher Revue-Shows bespielten gerade den Kontinent. Sie erregten überall großes Aufsehen.
Das Sam Wooding-Orchestra
Eigentlich gab der Pianist Konzerte mit seinem Orchester. Oder sie spielten Schallplatten-Aufnahmen ein. Die authentische Art des afro-amerikanischen Jazz wurde geradezu als überwältigend empfunden! Erstmalig waren Musiker*innen zu erleben, die ohne Dirigent*in spielten. Überhaupt ohne Noten! Der Rhythmus hielt sie zusammen. Jazz-Freund*innen gerieten vor Begeisterung außer sich. Diesmal waren es jene, die sich als die Wahren bezeichneten. Denn das war der wahre Jazz!
deswegen wurde das Orchester 1928 vom Haus Gourmenia mit dem Café Berlin und der berühmten Dachterrasse verpflichtet. Seine „heiße“ Musik sollte für Ausgleich zu der etwas kühl wirkenden Atmosphäre des Ortes sorgen. Er war architektonisch sehr modern im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten. Deswegen suchten die Betreiber*innen vor allem nach internationalen Musiker*innen, die statt der bewährten „Berliner Melange“ echten Jazz zu bieten hatten.
Doch die offizielle Musik-Kritik war alarmiert. Sie verlieh ihrem Rassismus in aller Schärfe Ausdruck. Das Gehör der offiziellen Musik-Kritiker*innen war allein klassisch geprägt. Sie konnten und wollten überhaupt kein Verständnis aufbringen. Für sie war dieses Jazz „Urwald-Geheul“ oder „Affenmusik“. Angeblich führte es zur „Verweichlichung“ und wäre ein Zeichen der „Unmännlichkeit“! Der schlimmste Vorwurf, den es gab.
Doch Wooding beherrschte auch das Komponieren. Und mit ihnen wollte er sich vielleicht beweisen. Er spielte mit Jazz-Harmonien und -Rhythmen. Auch deutsche Schlager fanden Eingang in seine Musik. Das Ergebnis klang präzise und lässig zugleich. Es wirkte sehr humorvoll! Es lief aber auch Gefahr, symphonisch zu wirken. (vgl. Knauer, Play youself, man! S. 55 f).
Sam Wooding & His Chocolate Kiddies in USSR Leningrad 1926
See also: KIND OF GOLDEN – Friedrichstadt