Politisch-Literarisches Kabarett in drei Akten
Das Schall und Rauch, Januar 1901 bis 1903 – Der Erste Akt
Das Kabarett Schall und Rauch schrieb seinen ersten „Akt“ bereits zwischen 1901 und 1903. Drei junge noch unbekannte Schauspieler des Deutschen Theaters gründeten unter der Leitung des späteren “Zauberers“ des Theaters Max Reinhardt ihre Kunstbühne.
Der Name stammt aus Goethes „Faust“ und verweist auf die geringe Bedeutung der beiden Phänomene im Vergleich zu ihren Ursachen, einer Stimme und einem Feuer.
Erstmals trat die noch nicht behauste Truppe am 23. Januar 1901 im Künstlerhaus in der Bellevuestraße mit „Don Carlos an der Jahrhundertwende“ in Erscheinung. Ihre satirischen Szenen, literarischen Chansons oder Einakter, teils aus der Feder von Christian Morgensterns, stießen beim Publikum auf immer größere Resonanz. Die Auftritte begannen erst um Mitternacht nach dem Ende der Vorstellungen in den Theatern.
Im Juli 1901 bauten sie dann einen Saal im ehemaligen Hotel Imperial, Unter den Linden 44, zu ihrer Spielstätte um. Die Bühnenbilder gestalteten zum Beispiel der Impressionist Lovis Corinth oder der frühe Expressionist Edvard Munch, das Briefpapier des Unternehmens Emil Orlik. Dennoch fiel der Vorhang für den ersten „Akt“ 1903 vorerst wieder.
Dezember 1919 – September 1920 – Der zweite Akt

1919 eröffnete Max Reinhardt in dem ehemaligen Circus Schuhmann in der Friedrichstraße an der Ecke zum Schiffbauerdamm das Große Schauspielhaus. Ihm schwebte ein „Theater der Massen“ vor. Das Innere des geräumigen Klinkerbaus ließ er von dem Architekten-Ehepaar Marlene und Hans Poelzig expressionistisch ausgestalten. Wegen seines vielseitigen Programms aus Klassikern und Monumental-Stücken einerseits und Revue-Shows andererseits, musste sich das Haus den Spitznamen „Zirkus Reinhardt“ gefallen lassen. Präsentierte es doch alles in allem „bürgerliche Kunst“!
Untermauert war der Bau jedoch von einem beeindruckenden Gewölbegang, verziert mit grotesken dickbäuchigen und knollnasigen Riesen-Puppen und Plakaten mit dadaistischen Symbolen. Und dieser führte unmissverständlich zu dem am 8. Dezember 1919 auferstandenen Kabarett Schall und Rauch. Obwohl es sich wiederum nur 1,5 Jahre lang halten konnte, zementierte es Max Reinhardts Weltruhm als Regisseur und Schauspieler.
Nach den Vorbildern des alten Schall und Rauch und des Cabaret Voltaire in Zürich handelte es sich bei der aktuellen Bühne nicht um ein Wort-Kabarett. Das Programm zeichnete sich durch große Vielfalt aus. Spielszenen wechselten sich ab mit Film mit Puppenspiel oder Tanz. Und Chansons mit Couplets. Das „Schall und Rauch“ machte in ganz Berlin von sich reden, „dort war „was los“!
Dadaismus
1918 war hier schon der „Club Dada“ gegründet worden. Richard Huelsenbeck, Wieland Herzfelde mit seinem „Malik“-Verlag, die Grafikerin und Collagistin Hannah Höch, der Zeichner George Grosz und der noch völlig unbekannte Zeitkritiker Walter Mehring waren sich einig. Ganz im Sinne der 1916 in Zürich entstandenen dadaistischen Bewegung griffen sie zu dem Mittel der ironischen Kombination von moderner Technik und primitiver Einfachheit. um den Unsinn der vorgeblichen Logik und des Intellekts zu demaskieren. Den Rechtfertigungen der „Schlächtereien des Ersten Weltkriegs“ und all der damit verbundenen Lügen hielten sie ihre Überzeugung entgegen, „die verlogenen und scheinheiligen Werte und Ideale der bürgerlichen Gesellschaft zu enttarnen und zu zerstören.“ Auch den etablierten Kunstformen ging es an den Kragen. Und alles im Einklang mit „Radau-Musik“ – Jazz! (vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kunst-und-kultur/dada)
Begleitend zum Programm des „Schall und Rauch“ gaben die Künstler*innen Hefte heraus, die es vorstellen und Gäste anlocken sollten – heute von unschätzbarem Wert! Die meisten ihrer Beiträge waren Erstveröffentlichungen, wie Klabunds „Harfenjule“ oder Joachim Ringelnatz` “Kuttel Daddeldu“ neben dadaistischen Zeichnungen.
Das Wort
Klabund war der erste Hausdichter des „Schall und Rauchs“ während seines zweiten Akts. Er war ein großstädtischer und weltoffener Poet, ein pazifistischer Anarchist mit Haltung. Mit den Mitteln der Sprache und des Gesangs nahm er das Spießbürgertum und auf vielseitige Weise die Neuen Unterdrücker*innen auseinander. Seine satirischen, manchmal schon sarkastischen Bänkellieder fanden ihre gleichwertigen Entsprechungen in den zynisch-politischen Chansons eines Walter Mehrings. Der Zeitkritiker und Lied-Texter debütierte im „Schall und Rauch“ und wurde sein zweiter Hausdichter. Seine politischen Chansons, ihren Aussagen nach zynisch (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=0jnBTjAYhr0), wurden zu unverwechselbaren Markenzeichen.Nach diesen beiden schrieb auch Joachim Ringelnatz die Texte der Programme. Weitere Autoren waren Kurt Tucholsky oder Erich Kästner.
Die Musik
Die musikalische Leitung lag bei Friedrich Hollaender, „dem Mann am Klavier“ undMischa Spoliansky.
Die Gestaltung
Die Bühnenbilder und Kostüme entwarf unter anderen George Grosz.
Der Ausdruck
Zu den Diseusen, die dem Ort ihren Stempel aufdrückten, gehörten Kabarettist*innen wie Paul Graetz oder Blandine Ebinger. Aber auch die Grotesk-Tänzerin Valeska Gert konnte sich hier spätestens 1920 als Ausdrucks-Tänzerin mit ihrem „das Weib im Taumel des Lasters“ zu einer frühen Jazz-Nummer von Friedrich Hollaender etablieren. Beharrlich rebellierte sie gegen den „bürgerlich-gemüthaften Stil“. Die Vossische Zeitung schrieb, „Wenn eine Tänzerin Ausdruck .. unserer Zeit sein kann, [dann ist es]… Valeska Gert. Sie tanzt das gebärende Chaos einer ideenlosen Gesellschaft ohne Identität!“.
Die kleine Bühne am Schiffbauerdamm war für sie alle und ihr sozialistisches, anarchistisches bzw. demokratisches Verständnis von Kultur das entscheidende Sprungbrett.
September 1920 – März 1921 – Der dritte Akt
Weil die Programme ab September 1920 ständig in wechselnden Händen lagen, wurden sie zwangsläufig seichter und verloren ihren politischen Biss. Deswegen fand im März 1921 die letzte Vorstellung statt.
Literatur:
Friedrich Hollaender, Spötterdämmerung – https://www.youtube.com/watch?v=0jnBTjAYhr0
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kunst-und-kultur/dada